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Typografie-Basiswissen: nicht nur für Designer

Fallen einem die Augen beim Lesen anstrengender Texte zu oder tut man sich schwer, manche Inhalte zu erfassen, muss das nicht unbedingt die eigene Schuld sein. Oft liegt die Ursache im Design des Geschriebenen: der Typografie.

Aber einen Schritt zurück! Die Typografie selbst ist natürlich nicht Schuld, sondern ihr unüberlegter Einsatz. Die Wahl der Schrift und die Kombination dieser betrifft nicht nur Designer, sondern uns alle. Spätestens wenn wir unsere Gedanken in ein Word-Dokument gießen oder einfach nur „schnell“ einen Zettel für die KollegInnen im Büro ausdrucken, dass die Kaffeemaschine defekt ist, sollten wir uns Gedanken über Schriften und ihre Verwendung machen.

Inspiration für diesen Blogartikel habe ich mir von einem Typografie Workshop von Wolfgang Beinert, einem bekannten Berliner Typografen und Grafikdesigner, geholt. Die für mich spannendsten und wesentlichsten Punkte möchte ich hier zusammenfassen:

1. Schriftauswahl: „form follows function“

Bei der Auswahl einer Schriftart, soll man sich diese Kriterien in der folgenden Reihenfolge zu Rate ziehen:

  1. Funktion:
    Was ist die Aufgabe und der Zweck einer Schrift? Verfügt die Schrift über die benötigten Zeichen (Sonderzeichen, Satzzeichen, Ziffern, etc.)?
  2. Form:
    Welche Schrift passt zum Thema? Passt der Charakter einer Schrift? Welche Schriftvarianten gibt es?
  3. Implementierung:
    Wie funktioniert die Schriftvariante auf dem Trägermaterial? Wie reagiert die Schrift im Umbruch? Kann der User mit der Schrift arbeiten?
  4. Kosten und Lizenzen:
    Ist die Schrift nutzungs-, kosten- oder lizenzfrei oder fallen zusätzliche Kosten an?

2. Serifenschriften sind besser lesbar als serifenlose Schriften

Als Serifen bezeichnet man die Endstriche der einzelnen Buchstaben, die die Schrift insgesamt „ausgeschmückter“ aussehen lassen wodurch die Wörter einfacher zu lesen sind. Serifenschriften werden als „Antiqua“ bezeichnet und der bekannteste Vertreter ist „Times New Roman“. Im Gegenzug dazu stehen serifenlose Schriften, sogenannte „Grotesk“ oder „Sans Serif“-Schriftarten, die geradliniger, vielleicht auch liebloser wirken. Häufig in Verwendung sind hier „Helvetica“ oder „Arial“.

Darstellung Schrift mit und ohne Serifen

Deutschsprachige Texte mit Serifenschriften gelten um 4-5% schneller erfassbar als Passagen mit einer serifenlosen Schrift – in anderen Sprachen sogar um 40%. Diese Regelung wurde bisher vorwiegend bei Printwerken (Zeitungen, Bücher u. Co.) befolgt, aber nie bei Texten im Web, wo bisher immer serifenlose Schriften bevorzugt wurden. Grund dafür war die geringe Auflösung der Endgeräte, wo die „Füßchen“ der Schriften nicht sauber genug dargestellt werden konnten. Die heutigen Displays haben damit natürlich keine Probleme mehr und somit steht einer Serifenschrift im Web grundsätzlich nichts im Wege.

Eine Ausnahme ist und bleibt die ausschließliche Verwendung von Grotesk-Schriftarten bei Autobahnschildern! Wenn man mit 130km/h vorbeirauscht, lenken Serifen nur ab und sind nicht zielführend.

Lesbare Schriften verwenden

Grundsätzlich soll immer eine Schrift, egal ob mit oder ohne Serifen, gewählt werden, die gut lesbar ist. Aber was heißt das? Das heißt, ein Schriftsatz muss makro- (=gesamtes Schriftbild) und mikrotypografisch (z. B. Abstand zwischen den Buchstaben) so aufbereitet werden, dass die Leser längere Texte, wie z. B. in einem Buch, einem Geschäftsbericht oder auf einer Website, als angenehm, richtig und als nicht störend empfinden.

Als Faustregel kann man sich außerdem notieren: Je komplizierter ein Text, desto einfacher sollte die Schriftart sein.

3. Groß- und Kleinschreibung „matters“

Die folgenden Sätze sollten wohl die letzten „Umschalttasten-Verweigerer“ (mich eingeschlossen 😉 ) überzeugen, dass Groß- und Kleinschreibung im Deutschen Sinn macht:

Die Spinnen
Die spinnen

Der gefangene Floh
Der Gefangene floh

Er verweigerte Speise und Trank
Er verweigerte Speise und trank

Wäre er doch nur Dichter!
Wäre er doch nur dichter!

4. Auszeichnungen: Schriftschnitt statt Formatierung

Für viele mag es keinen Unterschied machen, ob das Wort im Textprogramm mithilfe des „B“-Buttons fett formatiert wird oder ob der jeweilige Schriftschnitt (z. B. „Arial fett“) ausgewählt wird. Die folgenden Beispiele machen den kleinen, aber feinen Unterschied sichtbar (oben jeweils die vom Typografen erstellte Schriftschnitt-Variante):

Dartsellung Schrifttschnitt vs. Formatierung

Auszeichnungen, wie z. B. „fett“ oder „kursiv“ sollen daher immer über den jeweiligen Schriftschnitt gemacht werden.

Apropos Auszeichnungen: auf sogenannte typografische Redundanzen, wie z. B. „fett + kursiv“ oder „farbig und fett“, darf man übrigens gerne verzichten 😉

Visualisierung typografische Redundanz

5. Webfonts: auch die Schrift braucht ein Hosting

Schriftarten für die Website können am eigenen Server abgelegt werden oder über den Server des Font-Anbieters (z. B. Google® Fonts, Adobe® Edge Web Fonts bzw. Adobe Typekit oder Monotype®) eingespielt werden. Das Fremdhosting durch ein Abo ist aus Datenschutz-Sicht nicht zu empfehlen, weil die Website ständig mit einem Server von z. B. Adobe® oder Google® in den USA verbunden ist und Aktivitäten auf der Seite aufgezeichnet und Trackingdaten an die Lizenzpartner weitergegeben werden können.

Daher sollten Webfonts immer auf dem eigenen Server als Font File hinterlegt werden.

6. Kein Platz für Blocksatz im Web

Blocksatz sieht sauber aus und ergibt optisch ein ruhiges Bild – keine Frage. Aber bei einem guten Blocksatz muss immer manuell nachgearbeitet werden, damit alle Wortzwischenräume gleichmäßig erscheinen, keine unnatürlichen Umbrüche entstehen und keine sogenannten „Gießbäche“ (=mehrere untereinander stehende Wortzwischenräume, welche optisch einen „Bach“ oder eine „Straße“ ergeben) sichtbar werden. Diese manuelle Korrektur braucht Zeit, die technischen Möglichkeiten (Word vs. InDesign) und visuelles Gespür.

Visualisierung Gießbach

So kann prinzipiell gesagt werden, dass der Blocksatz dem Flattersatz nur dann vorzuziehen ist, wenn man die Möglichkeiten der Korrektur hat und diese Mühen auf sich nehmen kann und möchte.

Und im Web: Finger weg vom Blocksatz! Aufgrund unterschiedlicher Auflösungen und Screengrößen, kann trotz Korrekturen, kein einheitliches Bild für alle User garantiert werden.

Conclusio

  1. Schrift geht uns alle an
  2. Die Auswahl der Schrift basiert auf unterschiedlichsten Kriterien und darf daher gerne dem Profi überlassen werden.
  3. Schrift im Web ist zwar nicht mehr ein so kritisches Thema wie vor 10 Jahren, bedarf aber immer noch einer Sonderbehandlung.

Mehr Inspiration gefällig?

www.typolexikon.de

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